Auf dem Dempster Highway zum Arktischen Meer

An der Tankstelle bei der Abzweigung zum Dempster Highway kurz vor Dawson City galt es nochmals aufzutanken, und zwar zu vernünftigen Preisen. Die Benzinpreise schwankten in Kanada zum Teil sehr stark und so nutzten wir die günstigen Gelegenheiten, wenn immer sie vorhanden waren. An der gleichen Tankstelle trafen wir wieder mal zwei Schweizer, diesmal auf BMW-Motorrädern. Eigentlich wollten wir zuerst noch kurz nach Dawson City fahren, um den aktuellen Wetterbericht bei der eigens für den Dempster Highway eingerichteten Touristeninformationsstelle abholen, aber die beiden Motorradfahrer haben uns mitgeteilt, dass der Wetterbericht für die nächsten 2-3 Tage gut sei. Also fuhren auch wir los in Richtung Tombstone, unserem ersten Halt.

Kaum hatten wir Tombstone erreicht, begann es stark zu regnen. Wir bekamen ein leicht mulmiges Gefühl, haben aber beschlossen, die Reise fortzusetzen. Auf halben Weg nach Inuvik, nach ca. 350 km, befindet sich die Eagle Planes Lodge. Bis dahin war alles gut gegangen. Die Strassen waren mehrheitlich aus kleinem Kies und gut befahrbar. Wir überholten zwischenzeitlich noch zwei junge Velofahrerinnen – wieder zwei Schweizerinnen- die sich völlig durchnässt Richtung Norden quälten. Auch in Eagle Planes hatte es noch immer stark geregnet. In der Zwischenzeit wurde der Boden zum Teil ziemlich weich und die Erdstrasse verwandelte sich eine schmierige Rutschbahn.

Wir haben beschlossen, noch ein wenig weiterzufahren und erst später unseren Übernachtungsplatz zu suchen. Eine kleine Einfahrt mit mehreren Spuren kurz vor der Brücke nach Eagle Planes hat uns verführt, was wir kurz danach bereut hatten. Der Schlamm war so dick, dass wir nur mit grosser Mühe und mit aller technischen Unterstützung den Weg zurück durch den Matsch auf die Strasse fanden.

Am zweiten Tag machten wir zuerst nach 20 Kilometern am 66-igsten Breitengrad halt, dem Arctic Circle. Dort erfuhren wir zu unserem Erstaunen, dass halb Kanada unter Permafrost steht – das heisst, dass die Erde einige Meter unterhalb des Rasens für mindestens zwei fortlaufende Jahre dauernd gefroren bleibt. Ab hier scheint aber auch die Mitternachtssonne während 52 Tagen im Sommer. Weitere 60 Kilometer später traten wir nach «North West Territories» ein, die zweite Provinz mit sehr viel Land und nur wenig Einwohnern. Von nun an schlängelte die Strasse langsam zum Mackenzie River hinunter, den wir zweimal mit einer Fähre überqueren mussten. Kurz vor Inuvik, am Campbell Lake übernachteten wir zum zweiten Mal und genossen unsere erste Mitternachtssonne.

Inuvik ist die administrative Hauptstadt der Provinz NWT und die Ölfördergesellschaften des Polarmeeres haben dort alle ihre Büros. Einige Hotels, ein Spital und Einkaufsmöglichkeit sind vorhanden, aber sonst fehlt es ein wenig an Charme. Ein architektonisches Highlight ist die Kirche im Igludesign. Nach Aufstocken der Vorräte beschlossen wir deshalb die Reise nach Tuktoyaktuk ohne weitere Verzögerung fortzusetzen.

Die Strasse zur Arctic Sea heisst ab Inuvik Mackenzie Highway und ist erst seit Herbst 2017 in Betrieb, bleibt aber allerdings jeweils im Winter bis Ende April geschlossen. Das kleine Fischerdorf Tuktoyaktuk wurde innert wenigen Wochen in den Fokus vieler Wohnmobil-Touristen katapultiert. Auf dem Platz direkt am Polarmeer reihen sich Tag für Tag bis zu 20 Fahrzeuge aneinander, die versuchen die besten Plätze zu ergattern. Alle wollen einen Zeh, einen Fuss oder ganzen Körper in das kalte arktische Meer eintauchen. Ganz ungläubig sieht die heimische Bevölkerung diesem befremdlichen Treiben zu, welches ganz offensichtlich die alte Ruhe aus dem Gleichgewicht gebracht hat.

Glücklicherweise wurde der beste Platz, mit eigenem Tisch und Grillstation, gerade frei als wir ankamen. Wir installierten uns dort sofort und hielten ebenfalls kurz unsere Füsse ins kalte Meer. Nur wenige Meter vor uns parkierte ein weiteres Schweizer Expeditionsmobil. Beat und Ruth sind aus der Nähe von Zürich und wir kamen sofort mit Ihnen ins Gespräch. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass wir ungefähr die gleichen Reisebekanntschaften gemacht haben und sie würden für diesen Abend noch Sepp erwarten, den wir natürlich auch schon getroffen hatten. Einige Stunden später sassen wir dann alle an unserem Tisch mit Grillstation, tranken einen Kafi Lutz vom Sepp und assen einen Apfelkuchen von Ruth und genossen zusammen die Mitternachtssonne – savoir vivre vom Feinsten.

Auf der Rückfahrt nach Inuvik wurde uns wieder bewusst, wie stark befahren diese Strasse jeden Tag ist. Vor allem die vielen Lastwagen, die meist ohne Bremsen vorbeibrausen sind für alle anderen eine Plage. Da die ganze Strasse nur aus aufgeschütteten Steinen besteht, war es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis auch wir einen Stein in der Scheibe hatten. Und tatsächlich, der zweitletzte LKW der uns passierte, knallte uns noch einen grossen und einige kleine Steine in die Fronscheibe, die uns auf unserer zweiten Reiseetappe bis anhin heil erhalten blieb.

Mit dem Wetter hatten wir vorerst Glück, jedoch ab Wiedereintritt in den Yukon braute sich ein kräftiges Gewitter zusammen, das den Regen wie aus Kübeln auf uns niederprasseln liess. Auch am nächsten Morgen war die Strasse noch nicht trocken und es regnete noch immer leicht. Je weiter wir wieder Richtung Eagle Planes kamen, desto schmieriger wurde die Strasse. Einige Touristen hatten beschlossen, den Regen auszusitzen und erst später weiterzufahren. Wir wollten aber so schnell wie möglich vom Dempster wieder runter und sind deshalb sehr langsam und sorgfältig weitergefahren.

Ein deutsches Paar in einem ähnlichen Expeditionsmobil haben wir beim Kreuzen kurz gesprochen. Wir wollten wissen, wie die Strasse weiter unten sei. Diese liessen uns wissen, dass die Strasse von Süden her bereits geschlossen war, sie es aber trotzdem versuchen würden. Am nächsten Tag haben wir dann in Dawson City erfahren, dass verschiedene Schlammlawinen den Dempster unbefahrbar gemacht hatten, eine Brücke einstürzte und alle nach uns dann eineinhalb Tage warten mussten, bis sie ihre Reise fortsetzen konnten.

Die 900 Kilometer zum Arktischen Meer, und wieder zurück, waren ein grosses Abenteuer und ein sehr schönes Erlebnis. Die traumhaften Landschaften, die kilometerlange Einsamkeit und die Kultur der Eskimos hat uns begeistert und war auf jeden Fall diese Reise wert. Allerdings muss gesagt werden, dass es unmöglich ist, diese 1800 km bei nur schönem Wetter zu fahren. Die Wahrscheinlichkeit, schwierige Bedingungen anzutreffen ist gross und entsprechend sollte man vorbereitet sein. Auch gibt es ausser dem Spital in Inuvik keinen Ambulanzposten auf der ganzen Strecke und ein Telefonnetz ist ebenfalls meist nicht verfügbar.


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